Auswahl der Predigten von Pater Ezekiel Oko


Predigt zum 3. Sonntag in der Fastenzeit Lesejahr: B

Umkehr bedeutet, sich an Gottes Kraft und Gottes Weisheit wenden

Die Lesungen von heute erinnern mich an meine Mühe, beim Deutsch lernen den Unterschied zwischen den Worten „sollen“ und „dürfen“ zu verstehen. Damals hat einer meiner Mitbrüder mir geklärt, wie wichtig diese Worte in Deutschland seien. Man müsse lernen, was man dürfe und was man nicht dürfe, betonte er. Daneben müsse man sich auch vergewissern, was man solle – also, was als Pflicht gilt. Das war für mich schwierig zu unterscheiden. Aber dann habe ich endlich verstanden, dass das Wort „dürfen“ den Raum unserer sittlichen Möglichkeiten definiert. Das Wort „sollen“ definiert dagegen Empfehlungen und Pflichten. Diese sind zunächst innerhalb des Raums unserer sittlichen Möglichkeiten zu verstehen. Empfehlungen und Pflichten müssen zunächst das sein, was uns sittlich erlaubt ist.

Auf diese Schwierigkeiten treffen wir nicht nur beim Deutschunterricht, sondern auch in konkreten Situationen des Lebens. Wie unterscheiden wir zwischen dem, was wir dürfen, und dem, was wir nicht dürfen? Wie verstehen und unterscheiden wir - auch, wenn wir etwas können -, es noch lange nicht bedeutet, es auch zu dürfen? Ich kann z.B. meine Meinung äußern, aber wie ich das tue, ist nicht beliebig. Also, es ist nicht egal, wie ich meine Meinung äußere. Denn im sittlichen Bereich meines Lebens kann und darf ich nicht einfach nur überlegen, was ich will, sondern, was verantwortlich ist.

Wir sind fast immer beschäftigt mit den Überlegungen über das, was wir dürfen oder was wir sollen. Wenn Sie überlegen, wie Sie auf die E-Mail Ihres Chefs oder Ihrer Chefin reagieren, ist das auch z.B. eine Beschäftigung mit Ihren sittlichen Möglichkeiten. Oder, wenn Sie überlegen, wie Sie mit den Ansprüchen und Anforderungen in Ihren Beziehungen und mit den Verantwortungen umgehen, dann sind Sie wieder auf der gleichen Ebene: Überlegungen über das, was Sie dürfen oder sollen. Das, liebe Brüder und Schwestern, beschäftigt uns jeden Tag, aber auch, wenn das so ist, sind wir uns dessen nicht immer bewusst, dass diese Überlegungen in den Bereich unserer sittlichen Möglichkeiten fallen.

Diese Überlegungen über unsere verschiedenen Verantwortlichkeiten können uns viel Kraft kosten. Aber als Christinnen und Christen haben wir einen Maßstab, an den wir uns wenden dürfen; den Maßstab, der uns nicht nur Klarheit bei diesen Überlegungen schenkt, sondern der uns auch dazu befähigt. Dieser Maßstab ist Christus. Paulus beschreibt ihn in der heutigen Lesung als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Wie können wir uns bei den kraftaufwendigen sittlichen Überlegungen an Ihn wenden, damit wir sowohl Weisheit als auch die benötigte Kraft gewinnen? Ich denke, es gibt zwei Möglichkeiten, wie wir das tun können:

  1. An seinem Leben und Handeln können wir uns ein Beispiel nehmen. Das können wir tun, wenn wir Jesus als einen Menschen ansehen, dessen Leben und Handeln uns von Gott als Maßstab gegeben wurde. Er hat die Liebe Gottes zeitgenössisch in alle Situationen umgesetzt. Im heutigen Evangelium hören wir z.B., wie er die Händler behandelt, die den Tempel zu einer Markthalle gemacht haben. „Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle,“ fordert Er von ihnen. Er hat das nicht einfach nur gesagt, sondern durch sein Handeln auch Widerstand gegen sie geleistet. Als Christinnen und Christen kämpfen wir gerade gegen eine zweifache Krise – einerseits die Corona-Krise, die unsere weltliche Gesellschaft durcheinanderbringt; andererseits die Krise in der Kirche. Wie reagieren wir darauf? Was ist unsere Verantwortung? Die betroffenen Gesellschaften sind beide unsere Gesellschaften. Wir gehören zu ihnen. Jesus lehrt uns, Widerstand zu leisten gegen Händler, die aus willkürlichen Gründen unsere Gesellschaften zerstören wollen. Wir dürfen nicht schweigen. Sollen wir dann die Kirche verlassen, damit wir aus der Krise austreten? Auch das ist keine verantwortliche Handlung. Denn dann sind wir aus unserer geistlichen Heimat ausgetreten. Ausweichen oder Austreten ist daher keine verantwortliche Option.
     
  2. Durch Ihn und mit Ihm und in Ihm werden wir befähigt, in allen Fällen verantwortlich zu handeln. Das bedeutet, Jesus ist der Menschensohn und Gottessohn, der uns nicht nur Beispiele gibt, sondern uns auch befähigt, zu handeln. Seine Beispiele schenken uns die Klarheit, wo die Mitte des verantwortlichen Handelns zu finden ist. Sie sind unseren Handlungen ein Maßstab. Aber ohne die Befähigung, die Er uns ebenfalls schenkt, können wir seine Beispiele nicht nachahmen. Ohne Beziehung zum Gekreuzigten gewinnt niemand in dieser Krise Boden unter den Füßen!

Wenn wir uns an Jesus wenden, wenn wir uns an seinem Leben und an seinem Handeln ein Beispiel nehmen, wenn wir mit Vertrauen zu Ihm im Gebet und in der Heiligen Messe kommen, erfüllen wir die Umkehr, die Er uns in dieser Fastenzeit empfiehlt. Und nur dann können wir verantwortlich leben und handeln. Lasst uns an Ihn wenden. Denn Er ist Gottes Kraft und Gottes Weisheit.



Evangelium vom 3. Sonntag in der Fastenzeit im Lesejahr :

Das erste Paschafest und die Tempelreinigung

Joh 2,13-25

Das Paschafest der Juden war nahe, und Jesus zog nach Jerusalem hinauf. Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen.

Jesus vertreibt Händler und Geldwechsler mit einer Geißel aus dem Tempel.
Maler: El Greco, Tempelreinigung Jesu
Quelle: wikimedia common

Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, dazu die Schafe und Rinder; das Geld der Wechsler schüttete er aus, und ihre Tische stieß er um. Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!

Seine Jünger erinnerten sich an das Wort der Schrift: Der Eifer für dein Haus verzehrt mich.

Da stellten ihn die Juden zur Rede: Welches Zeichen lässt du uns sehen als Beweis, dass du dies tun darfst? Jesus antwortete ihnen: Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten. Da sagten die Juden: Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut, und du willst ihn in drei Tagen wieder aufrichten? Er aber meinte den Tempel seines Leibes.

Als er von den Toten auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte.

Während er zum Paschafest in Jerusalem war, kamen viele zum Glauben an seinen Namen, als sie die Zeichen sahen, die er tat. Jesus aber vertraute sich ihnen nicht an, denn er kannte sie alle und brauchte von keinem ein Zeugnis über den Menschen; denn er wusste, was im Menschen ist.





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Kommentare zu diesen Evangelium:
Es sind blinde Blindenführer, Origenes (um 185-253)
Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, Hl. Johannes Paul II. (1920-2005)
Das in Wein verwandelte Wasser, Hl. Augustinus (354-430)
Jesus verließ Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, 276