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Auswahl der Predigten von Pater Ezekiel Oko


Predigt zum 6. Sonntag der Osterzeit Lesejahr: B

Die Liebe, die uns als Kinder Gottes ausmacht: Agape

„Die Liebe ist aus Gott und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott. … denn Gott ist Liebe.“ Heute hören wir über ein Wort, das die ganze Offenbarung Gottes zusammenfasst: „Liebe“. Früher empfand ich eine Verwirrung über die Bedeutung der Liebe. Denn ich erlebte, wo Menschen ihrem Gegenüber erst viel Liebe versprachen, die Liebe aber leicht in tiefen Hass umschlagen konnte; wo ein Ehepaar einander viel Liebe versprach, aber sich nach ein paar Jahren voneinander scheiden ließ, trotz der versprochenen Liebe; wo Eltern ihre einmal geliebten Kinder nicht mehr sehen wollten; wo ehemalige liebevolle Freunde oder Freundinnen nicht mehr miteinander sprechen wollten. Damals fragte ich, „Was bedeutet es eigentlich, wenn jemand dem anderen sagt und verspricht, „ich liebe dich!“ oder „ich habe dich lieb!“? Ich frage mich immer noch, warum wir Menschen viel von Liebe sprechen, aber zu wenig lieben? Warum scheitert eine Ehe nach nur einem Jahr, nachdem ein Ehemann und eine Ehefrau einander die große Liebe versprochen haben? Leider fand ich keine überzeugende Antwort, bis ich im Griechischen die Rangfolge der Bedeutungen von Liebe fand. Erst dann begriff ich den Unterschied zwischen der von Menschen versprochenen Liebe und der Liebe, die Gott selbst ist, die Er auch uns schenkt, die Liebe, die uns als Kinder Gottes ausmacht.

Im Griechischen gibt es vier Begriffe, mit denen Liebe rangordnend verstanden werden kann. Das sind „eros“, „philia“, „storge“ und „agape“. Der Eros ist die romantische Liebe zum Partner, die erotische Anziehung, welche Zärtlichkeit, Sexualität und Erfreuen am Körper des anderen sowie eine intensive Energieverbindung miteinbezieht. Der Eros sucht das Schöne im eigenen Leben und bezeichnet die leidenschaftliche sinnliche Liebe. Ein Ehepaar, das füreinander nur Eros (erotische Anziehung) hat, kann nicht mehr lieben, wenn es ihnen an dieser Anziehung fehlt. Philia ist die freundschaftliche Liebe zu Freunden, Kollegen, Nachbarn etc. Philia herrscht, wenn man ähnliche Interessen wie der andere hat, sich gerne mit ihm unterhält, den Charakter und die Interessen des anderen schätzt und liebt. Nur wenn man ähnliche Interessen wie der andere hat, kann man ihn in diesem Sinne lieben. Wo solch ein Interesse fehlt, vertrocknet die Liebe. Storge ist die familiäre Liebe, die Liebe zwischen Eltern und Kind sowie zwischen Geschwistern. Sie ist also die Liebe von Familienmitgliedern untereinander, ein Gefühl von Warmherzigkeit und Zuneigung zwischen Mitgliedern einer Familie. Diese drei Arten von Liebe – eros, philia und storge – sind bedingte Liebe. Sie sagt entweder „Ich liebe dich, weil ich mich von dir angezogen fühle“ oder „Ich liebe dich, weil ich ein ähnliches Interesse wie du habe, und wir einander zum Erlangen dieses Interesses unterstützen können“ oder „Ich liebe dich, weil du meine Mama, mein Papa, mein Kind, die Meine bist“.

Liebe Schwestern und Brüder, diese Arten von Liebe sind wunderbare menschliche Eigenschaften, die das Leben miteinander auf verschiedenen Ebenen unterstützen. Aber wenn wir nur so lieben könnten, würde unsere Liebe füreinander keinen Bestand haben. Denn es könnten diese Bedingungen fehlen – die Bedingung, dass wir uns voneinander angezogen fühlen oder dass wir ähnliche Interessen haben oder dass wir Familienmitglieder sind. Wie kann ich meinen Partner immer noch lieben, wenn er oder sie für mich nicht mehr anziehend ist? Wie kann ich jemanden lieben, der ein anderes Interesse als meines unterstützt? Wie kann ich bloß diesen Ausländer lieben, der unsere Kultur gar nicht kennt?

Jesus spricht heute von einer anderen Art von Liebe, die uns als Kinder Gottes ausmacht: Agape! Agape ist die vorbehaltlose, allumfassende, bedingungslose Liebe, die man von Gott annehmen und erleben muss, bevor man sie weitergeben kann. Wenn Jesus uns im heutigen Evangelium auffordert: „Liebt einander!“, wenn wir an verschiedenen Stellen der Bibel lesen, dass ein Kind Gottes jeder ist, der Gott liebt, oder sogar Gottes Liebe annimmt, jeder, der in Gottes Liebe bleibt, jeder, der Jesus fürchtet, jeder, der tut, was recht ist, spricht die Heilige Schrift von Agape, nicht von eros oder storge oder philia. Agape können wir aber nicht von uns selbst geben. Das meint Jesus, wenn Er sagt: „Bleibt in mir und ich in euch, damit ihr reiche Frucht bringen könnt. Denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“. Diese Frucht, Agape, können wir als Menschen nicht erzeugen. Wir erfahren immer wieder, dass wir nicht fähig sind, diese göttliche Liebe weiterzugeben, wenn wir uns ihr verschließen und sie von Gott nicht annehmen wollen.

Auch Petrus hat solch eine Erfahrung gemacht (Joh 21,15-19): Dreimal fragt Jesus Petrus: "Simon, ... liebst du mich?" Indes, in den ersten beiden Fragen bittet ihn der Herr um die vorbehaltlose, allumfassende, bedingungslose Liebe (agapâs-me). Petrus, wohl in Erinnerung an die bittere Traurigkeit der Untreue und das Drama der eigenen Schwäche im Augenblick des Verrats, antwortet ihm: "Herr, ich habe dich lieb" (philô-se), also „Ich liebe dich mit meiner armseligen menschlichen Liebe“. Erst beim dritten Mal verwendet Jesus selbst den Begriff der philia: „Simon, hast du mich lieb? (Phileîs-me?) Nun versteht Petrus, dass Jesus seine armselige Liebe genügt, die einzige, zu der er fähig ist.

Liebe Schwestern und Brüder, was Petrus, wie der Evangelist anmerkt, traurig macht (Joh 21,17), ist nicht so sehr die wiederholte Frage des Herrn, sondern die Einsicht, nicht mehr geben zu können. Jene Agape kann es nur geben, wenn und weil es Gott gibt. Sie ist jene Liebe, die Maß nimmt an der Liebe Gottes, der Liebe jenes Gottes, der uns zuerst geliebt hat (1 Joh 4,19) – weil Er die Liebe ist (1 Joh 4,8.16). Auch wir haben oft die Einsicht, nicht mehr geben zu können, wenn unsere Beziehungen von uns Agape statt eros oder philia oder storge verlangen, wenn das hartnäckige Kind von uns Eltern mehr als storge verlangt, wenn unsere Ehe von uns mehr als eros, philia und storge verlangt, wenn von uns der Fremde oder ein Gegner mehr bedarf als nur anziehende Liebe. Es ist besonders durch die Agape, dass wir die Ichbezogenheit überwinden können. Diese Liebe macht uns als Kinder Gottes aus. Dafür beten wir!



Evangelium vom 6. Sonntag der Osterzeit im Lesejahr :

Die Zweite Abschiedsrede. Einheit mit und in Jesus. Der Hass der Welt

Joh 15,9-17

Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird.

Josef sitzt schlafend auf einem Stuhl. Ein Engel steht hinter ihm und zeigt ein eine andere Richtung.
Wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen.
Joh 14,23
Kunstkeramik von Sr. Caritas Müller

Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.

Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet.

Dies trage ich euch auf, dass ihr einander liebt.





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Kommentare zu diesen Evangelium:
Es sind blinde Blindenführer, Origenes (um 185-253)
Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, Hl. Johannes Paul II. (1920-2005)
Das in Wein verwandelte Wasser, Hl. Augustinus (354-430)
Jesus verließ Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, 276