Auswahl der Predigten von Pater Ezekiel Oko


Predigt zum 4. Sonntag der Osterzeit Lesejahr: C


Die Hirtenmetapher und das Sorgen für die Bedürfnisse der Menschen

Liebe Schwestern und Brüder, letzten Sonntag haben wir über die dreimalige Frage Jesu an Simon Petrus nachgedacht. „Simon Petrus, liebst du mich?“ Eine kurze Antwort Jesu an Petrus, nach dessen Beantwortung auf diese Frage, lautet: "Weide meine Schafe". Jesus sagt zu Petrus so etwas wie: „Du kannst meine Schafe nur weiden, wenn du mich liebst.“ D.h. Jesus will Petrus eine Aufgabe übertragen, für deren Bewältigung Liebe eine unweigerliche Voraussetzung ist.

Im heutigen Evangelium hören wir, was die Frage „Liebst du mich?“ und die Aufgabe „Weide meine Schafe“, verbindet. Dieses Evangelium scheint eine Fortsetzung des Austauschs zwischen Jesus und Petrus zu sein. Jesus will Petrus mit der Aufgabe beauftragen, der Hirte seiner Schafe zu sein. Aber Petrus soll sich an Jesus ein Beispiel dafür nehmen, wie man so eine Aufgabe bewältigen kann.

Worin besteht die Funktion eines Hirten? Die Aufgabe des Hirten in der Zeit Jesu war es, für das Wohlergehen der Schafe zu sorgen. Bereits in der Antike - etwa im Alten Orient, im alten Israel, also vor Jesus Christus - war das Hirtenmotiv als Metapher für die Führungsfunktion bekannt. Der Vergleich der Leitungsfunktion mit der Funktion des Hirten ermöglichte es in diesen antiken Kulturen, ethisch zu fordern, dass die Führungskräfte für das Wohlergehen ihrer Untergebenen zu sorgen hatten. Mit der Hirtenmetapher identifiziert sich Jesus mit dem ethischen Anspruch an Führungspersönlichkeiten, der in den umgebenden Kulturen seiner Zeit bereits weit verbreitet war.

In unserer heutigen Gesellschaft gibt es vielleicht kein ähnliches Bild, das uns helfen kann, die Hirtenfunktion genau zu verstehen. Aber wir haben vielleicht von Nomaden gehört, von Menschen also, die mit ihren Familien und Tieren von Ort zu Ort ziehen. Man sagt: Nomaden sind nicht sesshaft. Sie leben nicht in Häusern; stattdessen wohnen sie zum Beispiel in Zelten. Sie ziehen von Ort zu Ort, weil sie Weide für ihre Tiere finden wollen. D.h. die Sorge für die Bedürfnisse ihrer Tiere – Schafe, Kühe, z.B. – bestimmt ihren Wohnort und ihre Lebensweise. Sie sind Hirten. (Wir haben bei uns in Nigeria auch bis heute solche Menschen. Sie ziehen von Busch zu Busch, von Staat zu Staat, monatelang und jahrelang auf der Suche nach grünem Weideland für ihre Herde.) Die Bedürfnisse und der Bedarf der Schafe bilden also die Grundbestandteile der Aufgabe des Hirten. Er sorgt für das Wohlergehen der Herde.

Mit dieser Metapher stellt sich Jesus uns als der Hirte vor, dessen Stimme wir, ‚seine Schafe‘, erkennen können. In vorbildlicher Weise ist er der Gute Hirt, den alle, die in Führungspositionen sind, nachahmen sollten. Es gibt kein besseres Vorbild für das Hirtesein als Jesus Christus. Seine Menschwerdung ermöglicht es ihm, unsere menschliche Welt vorbehaltlos zu betreten. Das Heil der Menschen ist der einzige Grund, warum er Mensch geworden ist. Wenn er sagt: „Meine Schafe hören auf meine Stimme“, verweist er auf seine Liebe, durch die er für das größte Bedürfnis des Menschen sorgt. Wenn wir auf das Kreuz schauen, sehen wir wie er seine Hände ausbreitet. Damit sagt er uns, „Ich kümmere mich um euch. Ich sorge für eure Bedürfnisse. Kommt ihr alle zu mir!“

Diese Sprache der wahren Liebe ist das, was den Hirten ausmacht. Sie macht ihn ansprechbar für die Bedürfnisse seiner Schafe. Eine Sprache, die meine Bedürfnisse nicht nur anspricht, sondern auch stillen kann, werde ich unbedingt erkennen.

Das heißt, das, was den Hirten und seine Herde verbindet, ist die Sprache der Liebe. Jesus will, dass Petrus diese Sprache lernt, damit er für seine Schafe ansprechbar werden kann. Jeder Mensch, der in der Geschichte der Menschheit für die Bedürfnisse seiner Mitmenschen ansprechbar war, hat die Sprache der Liebe gelernt. Die Heiligen, deren Gedenktage wir jedes Jahr feiern, liefern uns durch ihr Leben unzählige Beispiele dafür. Vor einigen Jahrzehnten war die hl. Mutter Teresa von Kalkutta unterwegs in einer Sprache, auf die die Armen und viele Hilfebedürftigen aus vielen Nationen hörten. Die Sprache der Nächstenliebe machte sie ansprechbar für die Bedürfnisse der Armen.

Jeder und jede von uns ist auch berufen, diese Sprache zu lernen. Wenn die Eltern mit ihren Kindern die Sprache der wahren Liebe sprechen, die Sprache, die an den Bedürfnissen der Kinder orientiert ist, machen sie sich für ihre Kinder ansprechbar. Wenn die Leitenden die Sprache sprechen, die an den Bedürfnissen der Geleiteten orientiert ist, dann fühlen sich die Geleiteten angesprochen. Je mehr wir als Kirche die Sprache der wahren Liebe sprechen, desto mehr wird unsere Gesellschaft unsere Stimme erkennen und auf sie hören.

Liebe Schwestern und Brüder, mit der Hirtenmetapher möchte Jesus uns daran erinnern, dass er für uns und für alle unsere Sorgen ansprechbar ist. Wir dürfen zu ihm kommen. Er möchte aber auch, dass wir uns ein Beispiel an ihm nehmen und auf die Bedürfnisse der Menschen unserer Zeit eingehen. Wollen wir uns jetzt eine kurze Zeit der Stille nehmen, um zu überlegen, für wessen Bedürfnissen wir unsere Stimme ansprechbar machen sollten, und um die Hilfe und Begleitung Jesu bitten.



Evangelium vom 4. Sonntag der Osterzeit im Lesejahr C:

Jesus beim Fest der Tempelweihe in Jerusalem

Joh 10,27-30

Ein Hirt geht einer Herde voran und trägt ein Lamm auf seinem Arm.
Der gute Hirte
Maler: Berhard Plockhorst

In jener Zeit sprach Jesus: Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir.

Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreißen.

Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle, und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen. Ich und der Vater sind eins.


















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Video zum Thema:



Kommentare zu diesen Evangelium:
Ich gebe mein Leben hin für die Schafe, Benedikt XVI. Papst von 2005-2013
Ich gebe meinen Schafen ewiges Leben, Schott - Meßbuch