Auswahl der Predigten von Pater Ezekiel Oko


Predigt zum 15. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr: C


Gehe hin und handle genauso!

Liebe Schwestern und Brüder, das Gebot der Nächstenliebe ist oft nicht einfach zu verstehen. Jeder von uns weiß, dass wir zur Nächstenliebe berufen sind. Aber wie wir dieses Gebot im konkreten Leben erfüllen können, ist uns nicht immer bewusst. Aufgrund dessen lassen wir oft viele Gelegenheiten für Nächstenliebe ungenutzt verstreichen. Wer ist mein Nächster?“ und „Wie kann ich die Gelegenheit zur Nächstenliebe erkennen und ergreifen?“ sind unter anderem die Fragen, die Jesus für uns im heutigen Evangelium beantworten möchte. Mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter will Jesus uns sagen, dass die Nächstenliebe, zu der wir berufen sind, mitten im Leben gezeigt werden soll.

Mitten im Leben waren die vielen Menschen in diesem Gleichnis: Ein Mann, der überfallen, ausgeraubt und halbtot liegengelassen war. Der Priester und der Levit, die in ihrer Konzentration auf ihren Dienst dem überfallenen Mann nicht helfen wollten. Der Wirt, der die Betreuung des Überfallenen übernommen und fortgesetzt hat. Und natürlich der Mann aus Samaria. Sie alle befanden sich in konkreten Aktivitäten des Lebens.

„Berufen zur Nächstenliebe“ waren sie alle. Und wie sind sie damit umgegangen? Der Priester und der Levit haben versagt. Sie kannten zwar aus dem Gesetz das Doppelgebot der Gottes- und der Nächstenliebe. Vielleicht hatten sie es auch dem Volk noch vorgelesen. Hier den konkreten Ort und die konkrete Zeit zu sehen, das gelang ihnen nicht. Berufen zur Nächstenliebe war der Wirt. Von ihm lesen wir nichts weiter. Er verdiente an seinem Dienst an dem Opfer. Aber wie tat er den Dienst? War es gleichgültig? War es mit innerer Liebe? Wir wissen es nicht.

Und natürlich war da auch der Held des Gleichnisses. Der Mann aus Samaria! Er lebte die Nächstenliebe. Er kümmerte sich weder um die Gefahr vor den Räubern noch um seine Termine. Er investierte Zeit und Geld in diesen fremden Menschen. Ihm war im Moment nichts anderes wichtig.

„Gehe hin und handle genauso!“ ist die Aufforderung Jesu an den Gesetzeslehrer und, ich denke, an uns alle. Ich frage mich, was dieses Gleichnis mit meinen persönlichen Erfahrungen zu tun hat. Und was diese Aufforderung Jesu – „Gehe hin und handle genauso!“ – mir sagt.

Als Fremder habe ich mehrmals Menschen getroffen, die mir Nächstenliebe entgegengebracht haben. Das waren Momente in meinem Leben, in denen ich nicht wusste, wie es weitergehen konnte, weil ich vor einer großen Herausforderung stand. Ein gutes Beispiel dafür war 2016 bei einer Wohnungssuche. Als ich nach meinem Deutschkurz einen Studienplatz an der Universität Bonn bekam, suchte ich monatelange ohne Erfolg eine Wohnung. Kein Vermieter wollte seine Wohnung an einen ausländischen Studenten vermieten, ohne sicher zu sein, dass dieser die Miete ohne Probleme zahlen konnte. Ich musste beweisen, dass ich für die Zahlung der Miete finanziell abgesichert war. Aber meine Bewerbung für die Wohnung wurde von den Vermietern immer wieder abgelehnt. Diese Erfahrung war für mich ein Albtraum.

Da ich nur noch ein paar Wochen hatte, das Sprachinstitut zu verlassen, bin ich an einem Tag in die Kapelle gegangen und habe gebetet und Gott gefragt: ‚Wo bist Du, o Gott? Warum lässt Du mich jetzt im Stich? Was soll ich nun tun?‘ Als ich nach diesem Gebet die Kapelle verließ, traf ich plötzlich den Priester, der dort tätig war. Er fragte mich: ‚Ezekiel, was ist los mit Dir? Du scheinst traurig zu sein. Kann ich Dir helfen?‘ Dann habe ich ihm meine frustrierenden Erfahrungen bei der Wohnungssuche erzählt. Er schickte daraufhin eine Anfrage für eine Wohnung an alle katholischen Gemeinden in der Nähe der Universität Bonn und erhielt drei positive Antworten. Eine davon war die vom damaligen Pfarrer von Bad Godesberg – Pfarrer Picken (heute der Stadtdechant von Bonn). Er hat mir eine schöne Wohnung in seiner damaligen Gemeinde – Bad Godesberg – angeboten, die für ein Jahr kostenlos war.

Wenn ich an diese Erfahrung denke, weiß ich, dass Nächstenliebe eine sehr große Wirkung im Leben anderer Menschen haben kann. Und die Aufforderung Jesu – „Gehe hin und handle genauso!“? Das ist für mich keine leeren Worte. Denn ich habe selbst erlebt, dass Nächstenliebe ein Leben retten kann.

Liebe Schwestern und Brüder, Sie haben sicher Ihre Erfahrung mit Nächstenliebe. Jeder und jede von uns kann viel von seiner, von ihrer Erfahrung erzählen. Das könnte eine Erfahrung mit einem Pfleger, der mehr als sein Job tut, weil er mehr Aufmerksamkeit schenkt und sich aus ganzem Herzen einsetzt.

Unsere Erfahrung ist voll davon. Wir loben manche Menschen dafür, weil sie ganz in ihrem Tun aufgehen. Es sind die Menschen, die uns auffallen, weil sie dem anderen mehr Aufmerksamkeit schenken. Sie sind anders als der Durchschnitt. Darin tun sie uns gut. Und wenn es geht, suchen wir ihre Hilfe.

„Gehe hin und handle genauso!“ Diese Aufforderung gilt uns allen. Wer sind die Menschen, mit denen ich zu tun habe? Kann es zu einer Begegnung mit dem kommen, worum es dem anderen geht? Habe ich eine Ahnung von dem kleinen Mehrwert, der entstehen kann, wenn ich mit Nächstenliebe handle? Was ist mit dem Menschen, der nach dem Weg fragt? Wie bekommt er von mir die Antwort? All dies, liebe Schwestern und Brüder, geschieht inmitten des Lebens. Jeder, dem ich begegne, ist mein Nächster. Da kann ich mit Nächstenliebe handeln und dadurch die Welt ein wenig verändern.



Evangelium vom 15. Sonntag im Jahreskreis im Lesejahr C:

Der barmherzige Samariter als Beispiel

Lk 10,25-37

Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?

Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort?

Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.

Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach, und du wirst leben.

Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?

Ein Mann gießt Öl in die Wunden eines Verletzten. Ein Schriftgelehrter ging vorbei und ein Priester hält ein Buch vor seine Augen.
Gleichnis vom barmherzigen Samariter
Meister des verlorenen Sohnes

Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen.

Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter. Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn.

Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.

Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde? Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat.

Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!





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Kommentare zu diesen Evangelium:
Wer ist mein Nächster?, Schott Messbuch
Ein Mann aus Samarien kam hinzu; er sah ihn und hatte Mitleid, Hl. Ambrosius (um 340-397)