Auswahl der Predigten von Pater Ezekiel Oko


Predigt vom 27. Sonntag im Jahreskreis C



Einer der größten katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts hat einmal gesagt: „Glauben heißt nichts anderes, als die Ungerechtigkeiten Gottes ein Leben lang auszuhalten“. Gerade das Wort: „Unbegreiflichkeit Gottes“ scheint für mich der Grund, warum manche Menschen ihren Glauben an Gott aufgeben. Sie wollen und suchen einen Gott, der völlig begreiflich ist, einen Gott, dessen Dasein dem Menschen komplett fassbar ist. Aber Gott bleibt uns unfassbar. Wie der Prophet Habakuk in der heutigen ersten Lesung fragen wir beispielsweise manchmal: „Wie lange, Herr, soll ich noch rufen und du hörst nicht? Ich schreie zu dir: Hilfe, Gewalt! Aber du hilfst nicht.“ Durch diese und ähnliche Fragen äußern wir unsere Unzufriedenheit mit der Unbegreiflichkeit Gottes. Es ist nicht, dass Gott unseren Ruf nicht hört, sondern, dass wir seine Antwort nicht völlig verstehen können. Wir wollen alles über Gott erkennen, statt dieser scheinbaren Ungenauigkeit unserer Gotteserkenntnis. Auch, wenn die Theologen unserer Zeit am Tisch der Wissenschaft das Dasein Gottes und den Glauben an Gott zu erklären versuchen, tun sie das, weil sie die Unbegreiflichkeit Gottes gar nicht annehmen wollen.

Gegen diese Haltung lehrt Jesus seine Jünger im heutigen Evangelium etwas bewundernswertes über den Glauben: Der Glaube braucht grundsätzlich weder groß noch stark zu sein, um eine große Wirkung zu erzielen. Er braucht nur lebendig und wachsend zu sein. Jesus vergleicht solch einen Glauben mit einem Senfkorn. „Wenn euer Glaube auch nur groß wäre wie ein Senfkorn, würdet ihr zu dem Maulbeerbaum hier sagen: Heb dich samt deinen Wurzeln aus dem Boden und verpflanz dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen“, sagt Jesus seinen Jüngern. Wir wissen, wie klein und unbedeutend ein Senfkorn scheint. Aber in dem kleinen unbedeutenden Senfkorn ist die Kraft enthalten, die die weitere Entwicklung des Korns in einen großen Baum ermöglicht.

In diesem Vergleich lehrt Jesus auch uns, dass wir nicht viel über Gott zu wissen brauchen, geschweige ihn zu begreifen suchen, sondern offen für ihn zu sein, um sein Wirken zu erleben. Ein lebendiger Glaube, der auch wachsend ist, ist ein Glaube, der offen für die Gotteserfahrung ist. Gotteserfahrung ist eine Erfahrung, in der wir das Wirken Gottes erkennen dürfen. Und ich bin sicher, dass die Stärke unseres Glaubens das Resultat der Entfaltung ist, die durch solche Erfahrung geschieht. Wer auf seine eigene Geschichte der Gotteserfahrung zurückblickt, wird irgendwann entdecken, dass Gott sich erkennen lässt durch unerwartete oder ungeplante Ereignisse des Lebens. Haben Sie einmal in Ihrem Leben solch ein Ereignis erlebt, in dem Sie letztendlich erkannt haben, dass Gott dadurch Ihr Leben geprägt hat?

In der Sitzung des Gemeindeausschusses des Rheinviertels am letzten Dienstag – während eines Glaubensaustauschs – haben wir einen Rückblick auf unsere persönliche Gotteserfahrung gehalten. Und ich war erstaunt, was im Leben vieler von uns aus dieser persönlichen Erfahrung stammt. Im Leben von einigen haben sich dadurch Zuversicht, Vertrauen, Kraft, Bestärkung, Geborgenheit, Liebe, Trost, tiefe Freude, usw. entwickelt. Manche erkannten dadurch, dass Gott da ist, dass Gott jeden annimmt, dass Gott für Überraschungen gut ist, dass Gott überall ist, dass Gott auf Menschen am Rand hört. Wieder andere entdeckten dadurch ihre wahre Identität und Kraftquelle fürs weitere Leben. Darüber hinaus hat diese Erfahrung manchen die Offenheit geschenkt für ihr Gegenüber - oder für das, was kommt.

Liebe Brüder und Schwestern, ich bin auch davon fest überzeugt, dass jeder von uns eine Gotteserfahrung gehabt hat. Ist es dann möglich, dass wir einen Rückblick darauf tun, wo wir Gott begegnet sind und wie diese Begegnung unser Leben geprägt hat? Aufgrund solch einer Erfahrung können wir sagen, dass Gott da ist, dass er in unserem Leben wirkt, auch, wenn wir ihn nicht völlig begreifen können. So können wir die Unbegreiflichkeit Gottes unser Leben lang aushalten.



Evangelium vom 27. Sonntag im Jahreskreis C im Lesejahr A:








Kommentare zu diesen Evangelium:
Das in Wein verwandelte Wasser, Hl. Augustinus (354-430)
Jesus verließ Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, 276

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