Auswahl der Predigten von Pater Ezekiel Oko


Predigt zum 31. Sonntag im Jahreskreis C Lesejahr: B

Trotzdem-Haltung entwickeln und meinen Maulbeerfeigenbaum finden

Jedes Mal, wenn ich die Geschichte von Zachäus lese, bin ich von seiner praktischen und sinnvollen Haltung gegenüber seiner Schwäche beeindruckt. Ich nenne seine Haltung „Trotzdem-Haltung,“ weil er sein Ziel erreichte, trotz seiner Kleinheit und trotz dem Versperrungseffekt der Menschenmenge, die ihn umgab. Er war der oberste Zollpächter und reich, aber er wollte gern Jesus kennenlernen. Er war allerdings so klein, dass die Menschenmenge ihm die Sicht versperrte. Doch er gab nicht auf, sich zu bemühen, Jesus zu sehen. Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, der am Weg stand, wo Jesus vorbeikommen musste. Zachäus ist nicht allein in dieser Trotzdem-Haltung. Es gibt in der Bibel noch zwei andere Stellen, in denen die Menschen ihr gewünschtes Ziel erreichten, (nicht ohne, sondern) trotz ihrer Schwäche und trotz dem Versperrungseffekt der Menschenmenge:

  • Mk 5,21-34: eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutfluss litt. Sie musste sich in der großen Menschenmenge, die um Jesus herum versammelt war, in seine Nähe drängen, um geheilt zu werden.
  • Mk 10,46-52: der blinde Bettler Bartimäus musste den Befehl der Menschenmenge ignorieren, bevor er die gewünschte Aufmerksamkeit Jesu gewinnen konnte.

Die Frau, die schon zwölf Jahre krank war, hatte mit der Menschenmenge zu kämpfen. Sie musste sich in der Menge zu ihm hindrängen, bevor sie Jesus berühren konnte. Weil sie aber - bildlich gesprochen – auf den Baum des Glaubens gestiegen ist – konnte sie Jesus berühren, trotz der Menge, und die ersehnte Heilung erhalten. Es war auch schwer für den blinden Bettler, die Stimme der Menge zu überwinden. Er hat sich einfach auf sein Ziel konzentriert. Die Stimme der Menge hatte keine versperrende Wirkung auf ihn, weil er dieser Stimme nicht nachgeben wollte, und so hat er noch lauter um die Hilfe Jesu geschrien, trotz der zurückweisenden Stimmen. Wie wir eben erkannt haben, war es nicht einfach für den kleinen Zachäus, Jesus zu sehen, weil er mit seiner Schwäche und dazu mit der versperrenden Wirkung der Menge zu kämpfen hatte.

Es ist wichtig, dass wir verstehen, was in unserem Leben die Menschenmenge symbolisiert. Alle äußerlichen – aber auch manchmal innerlichen – Widerstände, die versuchen, unsere gewünschten und nötigen Fortschritte im Leben zu verhindern. In unserer Sehnsucht nach Gott müssen wir – wie Zachäus – mit diesen Widerständen kämpfen. Sie sind die Stimme, die uns sagt, es ist nicht mehr modern in die Kirche zu gehen. Sie kommen uns auch, der dem Mainstream der Zeit verhafteten, menschlichen Denkweise entgegen, der uns eine populäre und moderne Lebensweise empfiehlt. Sie sind auch die Stimme, die uns bei unseren normalen Lebensbemühungen sagt: „Du bist nicht stark genug, intelligent genug, schön genug, groß genug, liebevoll genug, brav genug, klug genug, oder schlau genug, usw., um solch ein großartiges Ziel zu verfolgen oder gar zu erreichen.“ Sie versuchen unsere Schwäche zu vergrößern und uns kleiner zu machen, damit wir die Verfolgung des großartigen Ziels im Leben aufgeben. Diese Widerstände sind oft sehr bohrend und massiv. Wenn wir ihnen nachgeben, können wir das erwünschte Ziel im Leben nicht erreichen.

Was können wir dazu von Zachäus lernen: Vier Dinge: 1. Er kannte seine Schwäche. 2. Er erkannte sein Ziel, Jesus kennenzulernen. 3. Er nahm zwar die versperrende Wirkung der Menschenmenge wahr, aber gab ihr nicht nach. Und 4. Er entwickelte deswegen die Trotzdem-Haltung. Also, um all dies zu überwinden, entschied er sich, mit Hilfe des Maulbeerfeigenbaums, sein Ziel zu erreichen. Auf dem Maulbeerfeigenbaum hatte sowohl seine Kleinheit als auch die Menschenmenge keinen Versperrungseffekt mehr für das Erreichen seines Zieles.

Liebe Brüder und Schwestern, wir alle haben eine Schwäche, die uns klein macht. Dazu kommt die versperrende und gewaltige Stimme der Menge. Sie erinnert uns an unsere Schwäche und sagt zu uns: "Du kannst unmöglich dein Ziel erreichen." Deshalb ist es oft auch zu schwer für uns, dem großartigen Ziel näher zu kommen. Die wichtigen Fragen, die jeder von uns beantworten soll, sind dennoch: Kenne ich meine Schwäche? Was sagt mir die Menge dazu? Vielleicht sagt sie mir: „Du bist dumm“? Oder: „Du bist zu schwach, um solch ein großartiges Ziel in den Blick zu nehmen.“ Was soll ich dann tun? Soll ich dieser Stimme nachgeben? Nein.

Zachäus lehrt mich, die Trotzdem-Haltung zu entwickeln gegenüber meiner Schwäche und der verurteilenden Stimme der Menge. Das heißt zwar, anzuerkennen, dass ich schwach bin, und die Stimme der Menge wahrzunehmen, aber trotzdem mein Ziel weiter zu verfolgen. Auch muss ich einen Maulbeerfeigenbaum suchen, auf den ich steigen kann. Was wäre dann in meiner Situation der Maulbeerfeigenbaum, der mir die benötigte Hilfe zur Überwindung meiner Schwäche anbietet? Jeder von uns soll also suchen, wo oder bei wem oder mit was er sich trotz all diesem wohl fühlt, damit er weitermachen kann. Mein Maulbeerfeigenbaum soll etwas sein, das mich stärker und größer macht, und meinem Ziel näherbringt. Es könnte bedeuten, um Hilfe zu bitten, ein Buch zu lesen, mich weiterzubilden, eine für mich wichtige Veranstaltung zu besuchen, usw. Und, wenn mein Ziel damit verbunden wäre, Jesus zu begegnen und ihn besser kennenzulernen, wäre das auch ein sicheres Ziel, das mein Leben zur Vollendung bringt. Lasst uns im Gebet überlegen, was in unserem Leben der Maulbeerfeigenbaum wäre.



Evangelium vom 31. Sonntag im Jahreskreis C im Lesejahr :








Kommentare zu diesen Evangelium:
Es sind blinde Blindenf├╝hrer, Origenes (um 185-253)
Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, Hl. Johannes Paul II. (1920-2005)
Das in Wein verwandelte Wasser, Hl. Augustinus (354-430)
Jesus verlie├č Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, 276

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