Auswahl der Predigten von Pater Ezekiel Oko


Predigt zum 30. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr: B

Von Gott berufen sein: von Beruf zur Berufung

Einmal hat eine Bekannte von mir eine unerwartete Frage an mich gestellt: Was ist deine Berufung? Sie wusste, dass ich Priester bin. Trotzdem hat sie nach meiner Berufung gefragt. Natürlich war ich überrascht. Vorher hatte ich gedacht, dass jeder Priester bereits eine Berufung hat, die selbstverständlich ist. Meine Berufung könnte aber auch etwas anderes als mein Beruf sein. Denn eine Tätigkeit wird nur eine Berufung, wenn man sich damit identifizieren kann, wenn man sie gerne macht und wenn sie einen erfüllt. Noch einen Schritt weiter: Man entdeckt in einer Berufung einen inneren Sinn, der mit Gott verbunden ist. Solch einen mit Gott oder mit einem höheren Dasein verbundenen Sinn lässt einen die Tätigkeit nie aufgeben, selbst wenn man dabei auf einen Widerstand stößt.

Es ist deswegen nicht selbstverständlich, dass meine Arbeit oder mein Beruf auch zu einer Berufung wird. Spricht man von der Arbeit, meint man eine Tätigkeit, deren Ziel es ist, den Lebensunterhalt zu verdienen. Eine Arbeit wird auch Beruf genannt, wenn man für sie eine bestimmte Ausbildung hat und die Arbeit dauerhaft ausüben darf. Wenn ich meinen Beruf zu einer Berufung machen will, benötigt es einen inneren Sinn, der mit Gott oder mit einem höheren Dasein verbunden ist.

Eins der Themen, die man aus den heutigen Lesungen ableiten kann, ist „von Gott berufen zu sein“. In der ersten Lesung spricht Gott zu seinem Volk Israel: „Weinend kommen sie, und tröstend geleite ich sie. Ich führe sie an wasserführende Bäche, auf einen ebenen Weg, wo sie nicht straucheln.“ (Jer 31,9). Gott hat sein Volk auf einen Lebensweg berufen und hat versprochen, es an wasserführende Bäche zu führen. Dies kann man vergleichen mit dem, was bei einer Berufung passiert. Eine Berufung ist es, von Gott auf einen Lebensweg geführt zu werden, auf dem man sich wohl fühlen und dabei Freude haben kann, auch wenn Schwierigkeiten entstehen. In der zweiten Lesung wird über die Berufung eines Hohenpriesters berichtet. Er wird von Gott berufen, aus den Menschen ausgewählt und für die Menschen eingesetzt (Hebr 5,1-6). Unsere Berufung ist das, wofür wir von Gott bestimmt sind. Sie definiert uns. Wichtig ist aber auch, dass wir durch sie einen bestimmten Beitrag zum Wohl der Menschheit leisten.

Im Evangelium hören wir genau das, was es heißt, berufen zu sein. Eine Berufung heißt, den Ruf um Hilfe zu hören, selbst wenn für alle anderen ein solcher Ruf keinen Sinn macht. Jesus hat mit einem blinden Bettler Bartimäus Erbarmen gehabt, als niemand anders bereit war, dem Bettler zu helfen, obwohl eine große Menschenmenge anwesend war. Eine Berufung ist, eine Stimme zu hören, die die anderen nicht hören können. Als Samuel von Gott, dem Herrn, gerufen wurde, konnten die anderen diesen Ruf nicht hören. Nur Samuel hat diesen Ruf gehört. (1 Sam 3,1-18). So ist auch jede Berufung einzigartig. Vielleicht ist das nicht den Ruf eines Bettlers oder eines Menschen oder noch nicht einmal eine reale wirkliche Stimme. Es könnte die Stimme sein in einer Situation in der Gesellschaft, in meiner Familie, auf meinem Arbeitsplatz, die für die anderen keinen Sinn hat, aber mich dringend beauftragt, etwas für die anderen, für die Gesellschaft oder zum Wohl der Menschheit zu tun. Die Fähigkeit, einen solchen Ruf um Hilfe zu hören und etwas dafür zu tun, damit den anderen zu dienen und dabei Freude zu empfinden und erfüllt zu sein, ist eine Berufung.

Liebe Brüder und Schwestern, jeder von uns hat eine Berufung. Die Frage ist, wo bin ich berufen? Wie erkenne ich meine Berufung? Genau das haben wir schon beschrieben. Wenn ich ein Gespür habe, einen inneren Auftrag bekommen zu haben, etwas in der Situation der Welt für die anderen zu tun, soll ich das Gespür nicht wegsperren. Manchmal hat das mit meinen Gaben, Talenten und Neigungen zu tun, aber manchmal auch nicht. Wichtig ist es, dass ich dieses Gespür überprüfe, ob das im Einklang mit dem Wort Gottes steht, ob das mich zum Dienst und zum Wohl der anderen führt, ob ich dadurch erfüllt werde. Berufung ist nicht nur für die jungen Leute gedacht. Auch ältere Menschen können berufen werden, einen neuen Beitrag an den anderen zu leisten. Jeder von uns soll sich fragen: wo bin ich berufen? Was will Gott, dass ich Neues in der Welt, in meiner Familie, in meiner Gesellschaft, für die anderen noch tue? Zu Gott, der uns jeden Tag ruft, etwas Gutes zu tun, richten wir unsere Augen voll Vertrauen und beten.



Evangelium vom 30. Sonntag im Jahreskreis im Lesejahr :

Die Heilung eines Blinden bei Jericho

Mk 10,46-52

Die Heilung des blinden Bartimäus.
Carl Bloch, via Wikimedia Commons
Jesus macht den Blinden sehend!

In jener Zeit als Jesus mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus.

Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!

Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!

Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.

Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu.

Und Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können.

Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg.


Eine Frau breitet die Arme aus und schaut zum Himmel.
Foto: kieferpix, via Fotolia
Jesus, lass mich Dein Reich erkennen!




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Video zum Thema:


Kommentare zu diesen Evangelium:
Es sind blinde Blindenf├╝hrer, Origenes (um 185-253)
Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, Hl. Johannes Paul II. (1920-2005)
Das in Wein verwandelte Wasser, Hl. Augustinus (354-430)
Jesus verlie├č Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, 276

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