Auswahl der Predigten von Pater Ezekiel Oko


Predigt zum 5. Sonntag in der Fastenzeit Lesejahr: B

Loskommen von jeder Verabsolutierung des Selbst und Existenzangst überwinden

Liebe Schwestern und Brüder, mit der Aufforderung: „Kehrt um, und glaubt an die gute Nachricht“ hat Jesus uns in die Fastenzeit eingeleitet. Dieser Aufruf beinhaltet einen Ruf zum Loslassen. Denn wer umkehrt, kehrt von etwas um. Und das heutige Evangelium ruft uns zu einem Aspekt der notwendigen Umkehr: wir müssen von jeder Art von Verabsolutierung des Selbst umkehren. Jesus sagt uns: Ich muss mir selbst sterben, damit ich wahrhaftig leben kann. Es muss zuerst eine Art von Sterben oder Verlust stattfinden, und zwar das Sterben oder der Verlust des „Ich“, bevor mein Leben wirklich wachsen und gedeihen kann. Denn nur im Sterben des Selbst kann das wahre Selbst entstehen.

Genau das, liebe Schwestern und Brüder, ist die Botschaft des heutigen Evangeliums. Denn Jesus sagt: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer sein Leben liebt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt geringachtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.“ (Joh 12,24-25). Damit ruft Er uns auf, von jeder Verabsolutierung des Selbst abzusehen.

Was bedeutet aber Verabsolutierung des Selbst? Das bedeutet die Verabsolutierung der menschlichen Freiheit. Zu denken oder zu glauben, es gebe über mich selbst hinaus nichts mehr zu beachten. Alles, was es gebe, was mir wichtig sei, sei nur das „Ich“. Diese Umstellung der Priorität auf das Selbst erinnert mich an die Aufklärungsgeschichte des 17. und 18. Jahrhundert. Wer diese Geschichte kennt, versteht ihre Botschaft gut: aller Art von Autorität zu misstrauen (außer der Autorität des „Ich“). Jeder solle der Herrscher seines Lebens sein, so die Aufklärungsphilosophie! Alle Art von Autorität wurde als ein bloßes menschliches Konstrukt erklärt, von dem der Mensch sich lossagen müsse. Auch die Autorität des Glaubens – die Autorität Gottes.

Ich habe die Aufklärungsphilosophie hier erwähnt, weil sie dem Menschen einen Entwurf gegeben hat, das „Ich“ in das Zentrum seines Lebens zu stellen. Und unter dieser Umstellung der Autorität vom „Wir“ auf das „Ich“ leidet auch unsere heutige Gesellschaft und die jetzt lebenden Generationen. Wer die Wirkung dieser Umstellung sehen möchte, muss nur auf unsere Gesellschaften schauen. Ob man vom Hamstern des Toilettenpapiers am Anfang dieser Pandemie spricht oder von der Vertuschung der sexuellen Missbrauchsfälle oder vom Misstrauen jeglicher Form von Leitung, eine starke Selbstbezogenheit kann als eigentlicher Hintergrund festgestellt werden.

Können wir uns aber wirklich von allen Autoritäten lossagen? Auch von der Autorität Gottes? Nein, das können wir nicht. Wir lernen durch gemeinsame Erfahrungen als Menschheit und auch durch eigene Erfahrungen, dass das Gedeihen unseres Lebens untrennbar mit Gott und miteinander verbunden ist. Wir lernen, dass das „Ich“ die Krisen des Menschseins nicht allein überleben kann, ohne in einem „Wir“ verankert zu sein. „Ich bin, weil wir sind“ oder „Ich bin, weil es Gott gibt, in dem wir alle sind“, wäre dann eine wahrere Lebensüberzeugung als „Ich bin, denn ich denke“ oder „ich bin, weil ich frei bin.“ Warum?

Wenn der Mensch sich selbst ins Zentrum des Lebens stellt, entdeckt er früher oder später, dass es doch keinen Sinn macht, sich als das A und O des Lebens zu erklären. Denn aus der menschlichen Endlichkeit und Verletzbarkeit kann niemand sich selbst befreien. Wer die eigene Freiheit gewonnen hat, muss immer noch mit der Existenzangst kämpfen. Ohne die Befreiung von Existenzangst wird der Mensch immer unfrei bleiben, egal, wie radikal er seine eigene Freiheit zu erklären versucht. Die Realität unseres Lebens als Menschen macht es uns klar, dass wir verletzbar sind und keine unendlichen Kräfte besitzen. Diese Erkenntnis erzeugt in uns oft Angst: Angst vor Lebenserfahrungen, die uns verletzen könnten; Angst vor Situationen, die unsere Ohnmacht enthüllen könnten; Angst, Dinge zu verlieren, die uns mächtig zu machen scheinen; Angst, sich selbst zu verlieren. Das sind Ängste, die uns aber die Freiheit rauben, wahrhaftig zu leben. Statt in Angst vor unserer Endlichkeit und unserer Verletzbarkeit zu leben, bietet uns Jesus die Möglichkeit an, als befreite Menschen zu leben.

Er sagt uns, dass wir von jeder Verabsolutierung des Selbst loskommen müssen und in Gott Geborgenheit finden. Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, bevor es gedeihen kann. Und nur, wenn die Angst vor dem Tod und vor Verletzungen uns nicht mehr davon abhält, zu lieben und Gutes zu tun, sind wir wirklich frei und können frei leben. Die wahre Freiheit ist die Befreiung von der Existenzangst. Es ist aber nur in Gott, dass wir diese Befreiung erfahren können. Ohne den Anker in Gott werden wir immer wieder erfahren, dass auch nur ein kleines Virus die Macht der menschlichen Vernunft lächerlich machen kann. 



Evangelium vom 5. Sonntag in der Fastenzeit im Lesejahr :

Die Stunde der Entscheidung

Joh 12,20-33

In jener Zeit traten einige Griechen, die beim Osterfest in Jerusalem Gott anbeten wollten an Philippus heran, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und sagten zu ihm: Herr, wir möchten Jesus sehen. Philippus ging und sagte es Andreas; Andreas und Philippus gingen und sagten es Jesus.

Ähren und Brotstücke liegen auf einem Brett.
Foto: johannesspreter, Quelle: Fotolia

Jesus aber antwortete ihnen: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird. Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben. Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren.

Eine reife Ähre vor der untergehenden Sonne
Foto: Andreas, Quelle: Fotolia

Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn schon verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen.

Die Menge, die dabeistand und das hörte, sagte: Es hat gedonnert. Andere sagten: Ein Engel hat zu ihm geredet. Jesus antwortete und sagte: Nicht mir galt diese Stimme, sondern euch. Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.

Das sagte er, um anzudeuten, auf welche Weise er sterben werde.





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Kommentare zu diesen Evangelium:
Es sind blinde Blindenführer, Origenes (um 185-253)
Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, Hl. Johannes Paul II. (1920-2005)
Das in Wein verwandelte Wasser, Hl. Augustinus (354-430)
Jesus verließ Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, 276