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Auswahl der Predigten von Pater Ezekiel Oko


Predigt zum 29. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr: C

In dienender Liebe besteht die wahre Größe

Wir leben in einer Welt, in der die Ichbezogenheit den Vorrang hat. Anders gesagt, man hat dem „Ich“ die Priorität gegeben. Gemäß dieser Denkweise ist alles in Ordnung, sofern es mir gut geht. Das heißt: es ist mir egal, was mit den anderen passiert.

Diese Denkweise kann man an der Bitte erkennen, die Johannes und sein Bruder Jakobus an Jesus richten: „Meister“, sagen sie, „lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen“ (Mk 10,35-37). Sie würden sich also wohl fühlen, wenn sie die beiden besten Plätze besitzen könnten. Ja, klar. Die Beiden wollen ihre Zukunft absichern. Wenn man ihre Bitte oberflächlich betrachtet, könnte es scheinen, als ob damit alles in Ordnung ist. Man sieht jedoch das damit verbundene Problem, wenn man das gesamte Bild betrachtet. Schauen Sie mal: es waren 12 Jünger, aber es sind nur zwei beste Plätze zu vergeben. Und die beiden Brüder wollten diese Plätze besitzen. Ihnen war es vielleicht egal, was mit den anderen Jüngern passieren würde.

In dieser Bitte vertreten Johannes und Jakobus vor allem das, was tief in unserer menschlichen Natur verwurzelt ist: die Neigung zur Selbsterhaltung. Jeder Mensch besitzt eine angeborene natürliche Neigung zur Selbsterhaltung. Das ist auch notwendig für das Überleben des Menschen. Aber diese Neigung kann zur Selbstsucht und zum Egoismus führen, wenn ihre Entwicklung nicht gut gesteuert wird. Dann wird sie eine exklusive Sucht nach eigenen Vorteilen, als wäre das ein absoluter Wert. Bei solcher Übertreibung liegt das Problem darin, dass wir die Nöte der anderen übersehen. Das kann nur Ärger und ungesunde Konkurrenz heranzüchten.

Der Wunsch, den besten Platz einzunehmen, könnte also auf den ersten Blick als harmlos erscheinen. Aber würde ich mich wohlfühlen, wenn ich da allein wäre? Auch wenn ich mich da wohlfühlte, die Schreie der anderen aus ihren Nöten würden mich nicht in Ruhe lassen. Auch die damit verbundene ungesunde Konkurrenz und der Ärger rauben die Freude an der Gemeinschaft mit anderen. Wie wir eben gehört haben, „Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes.“

Jesus greift die Situation auf und lehrt die Jünger – und auch uns – wie wir den Wunsch, der Beste zu sein und den besten Platz zu erlangen, ansehen sollen. Er lehrt uns, dass solch ein Wunsch nicht als ein absoluter Wert verfolgt werden soll, sondern als ein Mittel zum Dienst an den anderen. Das, liebe Schwestern und Brüder, ist dann die Botschaft des heutigen Evangeliums: „Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein“ (Mk 10,43-44). Diener und Sklave! Das Wort Sklave könnte irritierend sein. Aber Jesus meint damit verantwortliche Bindungen an den anderen. Bindungen, die es nicht mehr zulassen, unsere Bestrebungen allein unseren eigenen Vorteilen zu widmen. In dienender Liebe sind wir von der Übertreibung der Selbsterhaltung und Egoismus befreit. In dieser dienenden Liebe bestehen die wahre Freiheit und die Größe. Nicht in der Position, die man innehat, noch im Vermögen, das man besitzt!

Da ist Jesus uns ein Vorbild. Er, unser Herr und Meister, ist ein Hoherpriester, der trotz seines hohen Platzes zur Rechten des Vaters zu uns gekommen ist und deswegen mit unseren Schwächen mitfühlen kann. Durch sein schmerzhaftes Kreuz und durch seinen grausamen Tod haben wir die Möglichkeit, teilzuhaben an seiner Herrlichkeit.

Liebe Schwestern und Brüder, in der Welt, wo im Geist des Kapitalismus viele meinen, „Der Gewinner gewinnt alles!“ (The winner wins it all), lehrt uns Jesus, Diener aller zu sein. Er fordert uns auf, nicht für das „Ich“ allein zu leben, sondern die „Wir-Denkweise“ zu entwickeln, in der die eigenen Verdienste zum Wohl der anderen eingesetzt werden können. Das ist nicht einfach. Das bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen. Der Strom der Ichbezogenheit! Der Strom der „Ich-zuerst-Denkweise“! Das, liebe Schwestern und Brüder, vermögen wir nicht aus eigener Kraft. Wollen wir deswegen voll Zuversicht zum Thron der Gnade hintreten und um Hilfe und Kraft bitten.



Evangelium vom 29. Sonntag im Jahreskreis im Lesejahr C: