Auswahl der Predigten von Pater Ezekiel Oko


Predigt zum 24. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr: A


Freiheit kann auch missbraucht werden und einem Schaden zufügen!

Das „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten vielerorts einen neuen Namen erhalten und wird nun oft „Gleichnis vom barmherzigen Vater“ genannt. Thematisch eingeordnet ist es bei Lukas in den Kontext von „Verlieren und Wiederfinden“, denn es steht neben den Gleichnissen des verlorenen Schafs und der verlorenen Drachme. Ob man das Gleichnis nun als das „vom verlorenen Sohn“ oder „vom barmherzigen Vater“ nennt, hängt davon ab, welchen Aspekt des Gleichnisses man betonen möchte. Die beiden Aspekte sind jedoch untrennbar miteinander verbunden. Denn es gäbe kein Wiederfinden, wenn niemand auf der Suche nach dem Verlorenen wäre.

Lasst uns die beiden Seiten des Gleichnisses betrachten. Worin besteht die Verlorenheit des verlorenen Sohnes? Ein paar Worte zum Hintergrund des Gleichnisses können uns hier helfen. Zu damaliger Zeit war der Erstgeborene der Haupterbe der Familie. Seine jüngeren Geschwister konnten bereits vor dem Tod des Vaters „ausgezahlt“ werden, also ihren Erbanteil in Geld erhielten. Und es war in dieser neutestamentlichen Zeit auch üblich, dass die Jüngeren dann den Hof verließen, vor allem, wenn sie ein eigenes Leben mit eigener Familie führen wollten. Das heißt, der Fehler des verlorenen Sohnes war es nicht, mit seinem Erbe in ein anderes Land zu ziehen.

Genaugenommen handelt es sich um das Eigentum des Sohnes. Die Frage ist doch, ist er frei, mit seinem Eigentum unverantwortlich umzugehen und dabei die gesellschaftlichen Konventionen zu sprengen? Natürlich kann er das, aber er muss auch die Folgen seiner unverantwortlichen Verwaltung des Erbes tragen.

Es geht, liebe Schwestern und Brüder, um unsere Freiheit und die Verantwortung, die sie mit sich bringt. Wir können unsere Freiheit nicht von ihrer Verantwortung trennen. Denn beides gehört zusammen.

Der jüngere Sohn dachte, er könnte in seiner Freiheit, mit seinem Eigentum umgehen, wie er es wollte. Ja, das tat er auch. Er zog in ein fernes Land, führte dort ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen! Es war aber nicht lang, bevor er vor den Folgen seines unverantwortlichen Lebens stand. Er verlor nicht nur sein Vermögen, sondern auch seine Freiheit. Denn um seinen Hunger zu stillen, musste er tun, was er nicht wollte. Schweinhüter sein? Dies war nicht sein Traumjob. Aber in seiner absoluten Notsituation war dies die möglicherweise einzige Form des Lebensunterhalts für ihn. Er hatte seine Chancen verloren und damit auch seine Freiheit.

Die Verlorenheit des jüngeren Sohnes besteht nicht darin, dass er sein Vermögen verloren hat, sondern dass er die Beziehung zu seinem Vater verloren hat, die Beziehung, die sowohl seine Freiheit als auch sein Vermögen gesichert hätte.

Das Gleichnis lehrt uns, dass unsere Freiheit nicht unabhängig von Beziehungen und notwendigen Gesetzen und Bindungen wirklich genossen werden kann. Diese sichern unsere Freiheit und daher gehen ihr voraus. Wenn wir sie nicht beachten, dann werden wir auch unsere Freiheit früher oder später verlieren. Was meine ich damit, liebe Schwestern und Brüder?

Manchmal läuft das Leben nicht so, wie wir es uns in Bezug auf unsere Freiheit vorgestellt haben. Wir Menschen wollen manchmal leben als bräuchten wir Gott nicht, als ob unsere Freiheit absolut wäre. Aber unsere existentielle Abhängigkeit von Gott springt uns immer wieder ins Auge, wenn wir vor unserer Ohnmacht stehen.

Ich will manchmal glauben, meine Freiheit bedeutet, ich kann mein Leben führen, wie ich es will, aber irgendwann entdecke ich, wie überall ich von Gesetzen und Prinzipien gebunden bin, die meine Freiheit überhaupt sichern. Das Kind will schnell unabhängig von seinen Eltern sein, merkt aber oft zu spät, wie viel Sicherheit die elterliche Weisung und Begleitung in sein Leben hätte bringen können.

Manchmal ist diese Entdeckung zu spät! Denn man wird mit einem Problem konfrontiert, mit dem man einerseits nicht gerechnet hat, ein Problem, das man aber andererseits nicht rückgängig machen kann. Es gilt da oft, der Spruch: „once bitten twice shy,“ auf Deutsche übersetzt: Durch Schaden wird man klug.

Dies kann einen auch traurig und hoffnungslos machen. Man verliert die Hoffnung, das Leben wieder gut machen zu können, den Schaden, der durch den Missbrauch unserer Freiheit entstanden ist, rückgängig machen zu können.

Da, liebe Schwestern und Brüder, sollen wir die andere Seite des Gleichnisses nicht aus den Augen zu verlieren: den barmherzigen Vater. Genau darin liegt die frohe Botschaft des Gleichnisses: Gott ist barmherziger Vater. Seine Barmherzigkeit besteht darin, dass er uns und unser verlorenes Erbe wiederherstellen kann; dass er uns helfen möchte, die Einheit der Dinge im Leben zu sehen und die notwendigen Bindungen aufrechtzuerhalten. Dann können wir auch unsere Freiheit besser einschätzen und behalten.



Evangelium vom 24. Sonntag im Jahreskreis im Lesejahr A: